14.05.2019 >> Literaturschau: Schweizer/Hehn: Konfliktlösung ohne Gericht (Buchbesprechung Dr. R. Ponschab)


Adrian Schweizer/Markus Hehn: Konfliktlösung ohne Gericht - Wirtschaftsmediation, Coaching, Nachhaltigkeit, Band 3: 25 PraktikerInnen berichten, Berliner Wissenschaftsverlag 2019

 

Mancher Promoter von ADR, der diese Verfahren als Praktiker betreibt und von der überwiegend theoretischen Behandlung seines Interessengebietes in der Literatur enttäuscht ist, wird beim Lesen dieses Buches aufatmen und sich verwundert die Augen reiben: Hier stellen 25 erfahrene Professionals Anwendungsfälle kooperativer Verfahren dar und geben zahlreiche Anregungen für das eigene Handeln. Dies ist der dritte Band einer Reihe über Konfliktlösung ohne Gericht und es scheint eine glückliche Fügung, dass dieser Band vor den beiden noch ausstehenden Bänden erscheint, die von den Grundlagen und Methoden dieser Verfahren handeln – haben wir dazu noch nicht genug gehört?

In diesem Buch stellen die Autoren einprägsame Beispiele aus den Bereichen Verhandlungsführung, innerbetriebliche und zwischenbetriebliche Mediation und (meist integriert in ein anderes Verfahren) Coaching dar. Da berichtet eine Tourmanagerin einer Rockband über eine Mediation zwischen dem Video-Show-Operator und dem Licht-Show-Operator während einer Tournee; ein Fachanwalt für Verwaltungsrecht schildert seine kooperativen Verhandlungen mit der strikt an Recht und Ordnung interessierten Behörde zur Erhaltung der Gaststättenerlaubnis seines Mandanten; eine Projektmanagerin im Bau erläutert, wie sie es in einem streitorientierten Wirtschaftsbereich geschafft hat, durch konsensorientierte Verfahren die termingerechte Fertigstellung eines großen Bauvorhabens zu sichern; ein Wirtschaftsanwalt erläutert die Rolle des Parteivertreters in einer zwischenbetrieblichen Wirtschaftsmediation und kommt zu dem Schluss, dass die Verhandlungsführung in diesem Stadium des Konflikts vor allem den operativ Verantwortlichen der Unternehmen überlassen werden sollte, während die Stunde des Anwalts als Wortführer dann schlägt, wenn sich ein Prozess nicht vermeiden lässt. Diese wenigen Beispiele zeigen die Breite der Darstellung der konsensorientierten Verfahren.

Wie Thomas Robrecht in seinem Beitrag „Was ist eine professionelle und kompetente Mediation?“ (Die Mediation 2017, 54 ff.) als Ergebnis einer Befragung von 4.000 Mediatoren im Rahmen des Forschungsprojekts Mediationskompetenz dargestellt hat, verlassen erfahrene Mediatoren die streng „schulische“ Vorgehensweise und orientieren sich vornehmlich am Kundennutzen, indem sie für wirksame Ergebnisse sorgen.

Diese Erkenntnisse bestätigt das vorliegende Buch, indem es zeigt, wie fallorientiert echte Profis die Gebote „richtigen“ Vorgehens anwenden. Der Satz lautet: „Der Meister darf die Form zerbrechen.“ Aber Vorsicht: nur der Meister! Das Buch ist absolut lesenswert für alle, die wissen wollen, wie ADR in der Praxis funktioniert.

 

Dr. Reiner Ponschab, München